Kirchenlied und Armbrustschießen - Sigmund von Birken im Spiegel zweier Archivalien
01.04.2026, Recherche und Text: Cedric Dütsch M.A.
Am 25. April 2026 jährt sich der Geburtstag des protestantischen Schriftstellers Sigmund von Birken (1626–1681) zum 500. Mal. Als einer der produktivsten und vielseitigsten Autoren des Barock wirkte er als Dichter, Übersetzer und literarischer Netzwerker.
Zugleich prägte er als führendes Mitglied den Pegnesischen Blumenorden maßgeblich – eine bis heute bestehende Sprach- und Literaturgesellschaft aus Nürnberg, die sich der Pflege der deutschen Sprache und Dichtung widmet. Das Jubiläum bietet Anlass, zwei Archivalien in den Blick zu nehmen, die unterschiedliche Seiten seines Wirkens sichtbar machen.
Birken stammte aus Wildstein in Böhmen, wo er als Sohn des Ortspfarrers Daniel Betulius aufwuchs. Zeitgenössisch trat er daher zunächst unter dem Namen Sigmund Betulius auf - erst nach seiner Erhebung in den Adelsstand durch Kaiser Leopold I. im Jahr 1665 nahm er den Namen Sigmund von Birken an. Seine protestantische Familie musste im Zuge der konfessionellen Spannungen des Dreißigjährigen Krieges ihre Heimat verlassen und fand schließlich in Nürnberg eine neue Lebensgrundlage. In der Reichsstadt erhielt er seine Ausbildung und entwickelte sich später zu einer prägenden Gestalt des protestantischen Gelehrten- und Literaturlebens. Im Jahre 1645 wurde er in den Pegnesischen Blumenorden aufgenommen, wo er den Dichternamen „Floridan“ führte und dem er seit 1662 als Präsident vorstand. Als Dichter, Lehrer und Übersetzer wirkte er weit über Nürnberg hinaus und prägte eine ganze Generation Nürnberger Autoren.
Ein Beispiel für die nachhaltige Wirkung seiner geistlichen Dichtung findet sich in einem evangelischen Gesangbuch aus dem Jahr 1854, einem der frühen Gesangbücher für die evangelischen Gemeinden in Bayern. Darin ist erstmals das Lied Nr. 389 „Lasset uns mit Jesus ziehen“ aufgenommen, dessen Text auf Sigmund von Birken zurückgeht. Obwohl der Text bereits im 17. Jahrhundert entstand, fand er im 19. Jahrhundert verstärkt Eingang in evangelische Gesangbücher.
Bis heute steht es unter Nr. 384 im Evangelischen Gesangbuch. Das Lied entfaltet das in der lutherischen Frömmigkeit zentrale Motiv der Nachfolge Christi: In mehreren Strophen wird das Leben der Glaubenden als gemeinsamer Weg mit Christus beschrieben – vom Aufbruch über Mühe und Bewährung bis hin zur Hoffnung auf das Ziel des Glaubens. Dass dieses Lied nach wie vor im evangelischen Gesangbuch zu finden ist, zeigt die anhaltende Wirkung barocker Kirchenlieddichtung im protestantischen Gottesdienst.
Neben seiner geistlichen Dichtung trat Birken auch als Autor weltlicher Schriften hervor. Ein Beispiel dafür ist das Werk „Die Fried-erfreute Teutonie“, das 1652 in Nürnberg erschien. Darin schildert er den Nürnberger Friedensexekutionskongress, auf dem in den Jahren 1649–1650 die Umsetzung der Bestimmungen des Westfälischen Friedens im Heiligen Römischen Reich unter Beteiligung der Reichsstände und der kaiserlichen Gesandtschaft verhandelt und organisiert wurde.
Der im Werk enthaltene Kupferstich zeigt eine Szene aus den Nürnberger Friedensfeierlichkeiten des Jahres 1650. Im Hintergrund ist die Silhouette der Stadt Nürnberg mit mehreren beschrifteten Gebäuden zu erkennen. Im Vordergrund entfaltet sich das eigentliche Geschehen: ein großes Armbrustschießen, das aus Anlass des wiederhergestellten Reichsfriedens veranstaltet wurde. Zahlreiche Zuschauer haben sich eingefunden; Zelte und Tribünen verleihen der Szene den Charakter eines festlichen Wettkampfs. Die Perspektive des Stichs sowie die beschrifteten Gebäude im Hintergrund lassen vermuten, dass das Turnier auf der Haller Wiese stattfand.
Unter dem Kupferstich findet sich ein Gedicht des Nürnberger Dichters Johann Klaj (1616–1656), der 1644 zusammen mit Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) den Pegnesischen Blumenorden gründete. Darin wird erläutert, weshalb solche Schießturniere mehr sind als bloße Unterhaltung: Sie gelten als Ausdruck bürgerlicher Tugend und als Übung in Geschicklichkeit und Wehrhaftigkeit in einer Zeit, die erst kurz zuvor aus den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges hervorgegangen war.
Zugleich macht diese Kombination aus historischer Darstellung und poetischem Kommentar deutlich, wie eng die Mitglieder des Pegnesischen Blumenordens zusammenarbeiteten. Während Sigmund von Birken die politischen Ereignisse seiner Zeit literarisch und historiographisch verarbeitete, steuerte Klaj ein poetisches Begleitgedicht bei.
Die beiden Archivalien machen unterschiedliche Facetten von Sigmund von Birkens Schaffen sichtbar: den protestantischen Liederdichter, dessen Texte bis heute im evangelischen Gesangbuch nachklingen, und den Chronisten politischer Ereignisse seiner Zeit. Gemeinsam verweisen sie auf einen Autor, dessen Werk die Frömmigkeits- und Kulturgeschichte des protestantischen Nürnberg nachhaltig geprägt hat.
Quellen:
Evangelisches Gesangbuch für Gesamtbayern von 1854 – LAELKB, Bibliothek S2/ GB By /2 / 1854 /1 /2.
Birken, Sigmund von: Die Fried-erfreute Teutonie. Eine Geschichtsschrifft von dem Teutschen Friedensvergleich. Nürnberg 1652 – LAELKB, Bibliothek S2/ FenV 4 518.
Birken, Sigmund von: Geistlicher Weihrauchkörner oder Andachtslieder I. Dutzet. Nürnberg 1652 - LAELKB, Bibliothek S2/ FenII 12 87 -4.
Literatur:
Wolkan, Rudolf, "Betulius, Daniel" in: Allgemeine Deutsche Biographie 46 (1902), S. 493-494 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd121823393.html#adbcontent, zuletzt aufgerufen am: 19.03.2026.
Rosenfeld, Hellmut, "Birken (eigentlich Betulius), Sigmund von (seit 15.5.1655, Pseudonym Floridan)" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 256-257 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118511270.html#ndbcontent, zuletzt aufgerufen am: 19.03.2026.