Ein Buch für den ganzen Chor - Das Psalm- und Gesangbuch von 1633
01.07.2026, Recherche und Text: Celine Brantl und Marcel Luitjens
Mit der Erprobung des neuen Evangelischen Gesangbuchs beginnt in Bayern ein neues Kapitel evangelischer Kirchenmusik. Neue Inhalte und Formate werden zurzeit getestet und auf die digitalen Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts angepasst. Der Blick richtet sich dabei nach vorn – gleichzeitig lohnt sich aber auch ein Blick zurück auf die Geschichte der Kirchenmusik.
Einen solchen Einblick bietet das hier vorliegende Psalm- und Gesangbuch aus dem Jahr 1633. Es spiegelt die Bedeutsamkeit dieser Quellen für die Geschichte der Kirchen- und Chormusik wieder.
Das Buch beginnt mit einem alphabetischen Register, in dem alle Lieder mit den zugehörigen Seitenzahlen aufgelistet sind. Danach schließen sich die Noten und Texte der geistlichen Gesänge an. Die Anordnung der einzelnen Lieder erfolgt auf Doppelseiten, wodurch eine übersichtliche Präsentation von Melodie und Text gewährleistet wird. Außerdem werden die Noten stets in den vier Stimmlagen eines Chors (Sopran, Alt, Tenor und Bass) dargestellt.
Wie viele frühneuzeitliche Chorbücher ist auch dieser Band großformatig, mit entsprechend großer Notation und Text angelegt. Dadurch konnten mehrere Sänger gleichzeitig aus demselben Buch singen, das auf einem Lesepult aufgestellt war. Der schwere mit Leder überzogene Buchdeckel aus Holz, der mit Metallbeschlägen sowie Schließen versehen wurde, schützt das Buch vor Beschädigungen. Zugleich unterstreichen diese Elemente den hohen Wert und die wichtige Funktion solcher Bände im kirchlichen Musikleben.
Das Titelblatt verrät, dass das Gesangbuch in der Schule des Heilig-Geist-Spitals entstand und von Georg Pfister verfasst wurde. Das Spital entstand 1339 durch eine Stiftung von Konrad Groß. Bereits aus der Stiftungsurkunde geht hervor, dass die Stiftung auch eine Schule umfassen sollte. Dabei handelte es sich um eine der vier angesehenen Nürnberger Lateinschulen. Neben zahlreichen Ämtern gab es auch den Schulmeister, der für die Betreuung der zwölf Schüler zuständig war und diese in Theologie, Liturgie, Latein und Gesang unterrichtete. Unterstützt wurde er dabei von drei Helfern: dem Supremus, dem Kantor und dem Infimus. Georg Pfister (1572-1647) war zunächst Kantor sowie ab 1608 Supremus an der Heilig-Geist-Schule. Als Kantor hatte er sich dabei um die Chorausbildung zu kümmern, während er als Supremus das höchste der drei Ämter besaß und dabei den Schulmeister direkt unterstützte.
Während der Entstehungszeit des Psalm- und Gesangbuchs vom 1. Februar bis zum 30. Juni 1633 bekleidete Georg Pfister noch das Amt des Supremus. Der Zeitraum von fünf Monaten verdeutlicht den beträchtlichen Arbeitsaufwand, der mit der Herstellung eines handschriftlichen Chorbuchs verbunden war.
Insgesamt beinhaltet das Buch 155 Lieder, von denen sich 71 auch im heutigen Evangelischen Gesangbuch (EG) finden. Allerdings können die Texte und Melodien von den heutigen Fassungen abweichen.
Das Lied „Wach auf mein Herz und singe“, welches unter der Nummer 446 im heutigen EG zu finden ist, soll im Folgenden näher betrachtet werden. Im Evangelischen Gesangbuch wird das Lied auf das Jahr 1647 datiert und Paul Gerhardt als Verfasser genannt. Allerdings findet man es auch in Georg Pfisters Werk, also bereits einige Jahre vorher. Demnach muss das Lied vor 1633 entstanden sein. Gegenüber der heutigen Fassung lassen sich neben den zeitbedingten sprachlichen Veränderungen auch zwei grundlegende inhaltliche Unterschiede feststellen: Erstens besaß das Lied in der Version von 1633 noch zehn Strophen, wobei die dritte Strophe in der heutigen Fassung nicht mehr zu finden ist. Zweitens hat sich der Anfang der letzten Strophe deutlich geändert. Da das Lied nahezu vollständig aus reinen Reimen, bei denen die Endsilben zweier Wörter klanglich vollständig übereinstimmen, besteht, ist auffällig, dass sich beide Änderungen auf die einzigen unreinen Reime beziehen, die nur eine teilweise Klangübereinstimmung aufweisen. Zusätzlich war der Inhalt der dritten Strophe wahrscheinlich nicht mehr zeitgemäß, weshalb sie später wegfiel. Warum nachträglich „behüte“ statt „beschütte“ als unreiner Reim auf das Wort „Hütte“ in der letzten Strophe eingeführt wurde, ist unbekannt.
Insgesamt werden sieben der bereits im Chorbuch überlieferten Lieder im heutigen EG auf die Zeit nach 1633 datiert. Solche Funde machen deutlich, dass weitere Untersuchungen lohnend sein können.
Der Bestand der Chorbücher aus Nürnberger Kirchen ist der größte seiner Art in Franken und zählt zu den bedeutendsten kirchlichen Chorbuchsammlungen Bayerns. Das LAELKB verwahrt die Musikquellen der Fenitzer-Dilherr-Bibliothek, der Spitalbibliothek sowie der Bestände von St. Egidien, St. Johannis und St. Lorenz. Diese sind bereits vollständig digitalisiert und abrufbar über Bavarikon.
Quellen:
Psalm und Gesangbuch von Georg Pfister: Hic liber Psalmorum, et Cantionum Sacrarum [...], Nürnberg 1633. LAELKB, Bibliothek G2/ SpitNR 125. Digitalisat abrufbar über Bavarikon unter: https://www.bavarikon.de/object/bav:ELK-MUS-00000BAV80042787?cq=georg%20pfister&lang=de.
Literatur:
Annamaria Böckel: Heilig Geist in Nürnberg. Spitalstiftung & Aufbewahrungsort der Reichskleinodien, Nürnberg 1990.
Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelisch- Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen, München 1994.
Georg Stolz: Veni Sancte Spiritus – Komm Heiliger Geist, in: Christian Schmidt und Georg Stolz (Hgg.): St. Lorenz 56, Nürnberg 2007, S.3-52.
Dr. Helmut Lauterwasser: Handschriftliche und gedruckte Musikquellen des 14. bis 16. Jahrhunderts aus Nürnberger Kirchen. Zuletzt aufgerufen am 17.06.2026: https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000006338?lang=de.
Dr. Helmut Lauterwasser: Chorbücher aus Nürnberger Kirchen. Zuletzt aufgerufen am 17.06.2026: https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000006339?lang=de.
Michael Diefenbacher: 650 Jahre Hospital zum Heiligen Geist in Nürnberg 1339-1989, Nürnberg 1989.
Michael Diefenbacher und Rudolf Endres (Hgg.): Stadtlexikon Nürnberg, 2. Auflage, Nürnberg 2000.
Ulrich Knefelkamp: Das Heilig-Geist-Spital in Nürnberg vom 14.-17. Jahrhundert, in: Nürnberger Forschungen 26 (1989).