"Bergjahresfest" statt "Bergkirchweih": Wie ein vermeintlich kirchlicher Bezug für Unmut sorgte
01.06.2026, Recherche und Text: Maximilian Vitzthum M.A.
Vom 21. Mai bis 1. Juni 2026 fand in Nürnbergs Nachbarstadt die 271. Erlanger Bergkirchweih statt – eines der ältesten und beliebtesten Volksfeste Deutschlands und seit diesem Jahr auch "immaterielles Kulturerbe".
Doch statt für Feststimmung sorgte der Begriff "Kirchweih" insbesondere bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein für erheblichen Unmut bei den örtlichen Kirchengemeinden. Einblicke in diese Auseinandersetzung liefert neben anderen Quellen die Pfarrbeschreibung Erlangen-Altstadt aus dem Jahr 1915.
Im Rahmen einer "Kirchweih", in Franken auch umgangssprachlich "Kerwa/Kärwa/Kirwa" genannt, wird traditionell der Jahrestag der Einweihung der jeweiligen Ortskirche begangen. Dieser Brauch verbreitete sich seit dem 5. Jahrhundert in Europa.[1] Im Laufe der Zeit wurde der ursprünglich religiöse Charakter vieler Kirchweihen jedoch zunehmend von Elementen des Volksfests ergänzt oder sogar verdrängt: Jahrmärkte, Tanzveranstaltungen, Schaustellungen und weitere Vergnügungen rückten immer stärker in den Vordergrund. Der Kirchweihgottesdienst erinnert vielerorts zwar noch an die kirchlichen Ursprünge, spielt für zahlreiche Besucherinnen und Besucher jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle.
Anders verhält es sich im Falle der Erlanger Bergkirchweih. Trotz des vermeintlich klaren Namensbezugs und des Zeitraums, in dem sie stattfindet – sie umfasst stets das Pfingstwochenende – besteht hier kein unmittelbarer Bezug zur Einweihung einer spezifischen Kirche oder einem sonstigen kirchlichen Ereignis.[2] Die fünfte Erlanger Jahreszeit geht in ihrer heutigen Form stattdessen auf einen Beschluss des Stadtmagistrats vom 21. April 1755 zurück, welcher den Altstädter Pfingstmarkt wiederbeleben sollte und ihn zu diesem Zweck an das Altstädter Schießhaus auf dem Burgberg verlegte.[3] Da dort zeitgleich das Vogelschießen der Erlanger Schützen stattfand, erhoffte man sich entsprechende "Synergieeffekte".
Das Wissen um die Herkunft des Festes und die Bezeichnung als "Pfingstmarkt" gingen jedoch schnell verloren – bereits 1812 schreibt Johann Christian Fick von der "Kirchweih der Altstädter" welche am Schießhaus stattfinde und in dessen "buntem Gewühle […] der Gott der Trinker sein Recht [behaupte]."[4] Die Bezeichnung "Bergkirchweih" taucht wenige Jahre später auf, ebenso wie die noch heute zu findende Annahme, dass im Rahmen des Festes das Patrozinium der Altstädter Dreifaltigkeitskirche (angeblich Trinitatis am Sonntag nach Pfingsten) begangen würde.[5]
Diese vermeintliche Verbindung des Fests zur Kirche führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu deutlicher Kritik vonseiten der Pfarrämter. In der 1915 von Pfarrer Gottfried Sperl verfassten "Pfarrbeschreibung des Kirchenwesens in der evang.-luth. Pfarrei Altstadt Erlangen"[6] attestiert dieser der "sogenannten Bergkirchweih" eine bedenkliche Entwicklung. Nicht nur habe sich die Dauer des Festes von ursprünglich wenigen Tagen auf bereits acht Tage ausgedehnt, vielmehr fänden schon vor dem eigentlichen Beginn Ereignisse wie "Bierproben" statt. Selbst der Abbau der "Verkaufs- und Lustbarkeitsbuden" erfolge erst nach dem Dreieinigkeitsfest, also eine Woche nach Pfingsten. Damit werde der religiöse Festkalender immer stärker von weltlichen Vergnügungen überlagert.
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt galt dem starken Besucherandrang: An Sonn- und Feiertagen würden Tausende aus "Nürnberg, Fürth und den Dörfern der Umgegend" zur Bergkirchweih strömen, sodass sich in einem "großen, lärmenden Gewühl [...] erlaubte und bedenkliche Vergnügungen" miteinander vermischten. Die "Unmäßigkeiten" in Form von "Raufexzessen" und "Dirnen, die aus Nürnberg in großer Zahl herauskommen sollen", seien dabei das "schlimmste Element". Dadurch wird das Fest zusätzlich mit Gewalt, Unsittlichkeit und moralischem Verfall in Verbindung gebracht.
Auch außerhalb der Pfarrbeschreibung Sperls finden sich Hinweise auf die kritische Betrachtung der "Bergkirchweih": In einem gemeinsamen Schreiben der Pfarrämter Erlangen-Neustadt und Erlangen-Altstadt an den Stadtmagistrat vom 15. März 1912 beklagen diese sich insbesondere über den "alles [beherrschenden] Alkoholgenuß", der an einem christlichen Hochfest stattfindet und "dann auch noch mit einem Namen belegt wird, der wie zum bitteren Hohne an die Kirche erinnert". Um die fehlende Verbindung zur Kirche zu verdeutlichen, schreiben die Pfarrämter nicht von der "Bergkirchweih" sondern vom "Bergjahresfest" oder "Bergkellerfest" - eine alternative Namensgebung mit offensichtlich mäßigem Erfolg.[7]
Während der Amtszeit des Altstädter Pfarrers Ernst Dorn in Erlangen (1918-1935) gewann die Auseinandersetzung der beiden Pfarrämter mit und um die "Bergkirchweih" – zeitweise unterstützt durch das seit 1924 zu Erlangen gehörende Pfarramt Erlangen-Bruck sowie die Evangelisch-reformierte Gemeinde – weitere Dynamik. Konfliktfelder gab es hierbei einige. So kritisierte Dorn Mitte der 1920er Jahre in der evangelischen Wochenzeitung "Fränkische Wacht" und dem "Alt- und Neustädter Kirchenboten" die Geschäftsführer des Brauhauses Nürnberg und der Hofbräu AG Erlangen aufgrund der Verteilung eines Liedhefts mit Inhalten "schlüpfrichster Art" mit derart deutlichen Formulierungen, dass die benannten Personen Strafanzeige gegen Dorn stellten.[8] Zu Beginn der 1930er Jahre war es insbesondere das "Kirchweih-Begräbnis", das beispielsweise durch das Vorwegtragen eines Kreuzes mit immer mehr christlicher Symbolik angereichert wurde, das die Kritik der vereinten Erlanger Pfarrämter auf sich zog. Nach einem entsprechenden Gesuch an den Stadtrat wurde diese Tradition aufgrund der "das christliche Empfinden und die guten Sitten verletzenden Art und Weise" im Jahr 1933 verboten. Dieses war jedoch zumindest langfristig nicht von Erfolg gekrönt – ebenso wenig wie die steten Hinweise Dorns, dass es sich bei der "Bergkirchweih" doch eher um ein "Bergfest" handele.
Erst in den folgenden Jahrzehnten ist eine gewisse Entspannung im Verhältnis der Erlanger Pfarrämter zur Bergkirchweih erkennbar. So fand im Jahr 1977 erstmals ein evangelischer Gottesdienst auf dem "Berch" statt, der zunächst durch den zur Seelsorge an Schaustellern beauftragten Pfarrer Gottfried Pangritz aus Feuchtwangen im Festzelt der Familie Trautner gehalten wurde. Auch die Erlanger Bevölkerung war hier bereits eingeladen.[9] Seit den 1990er Jahren lädt die Altstädter Gemeinde nun sogar selbst zum alljährlichen "Berg-Gottesdienst" auf dem Erich-Keller ein, der von etwa 300 bis 600 Menschen besucht wird.[10] Und nicht zuletzt wird auch in den modernen Gemeindebriefen der Erlanger Pfarreien mittlerweile ganz unverkrampft von der "Bergkirchweih" gesprochen.
Gerade für Beispiele wie die Erlanger Bergkirchweih erweisen sich die historischen Pfarrbeschreibungen als aufschlussreiche und vielseitige Quellen, da sie unter anderem Einblicke in das Verhältnis zwischen Kirche, Gemeinde und lokalem Brauchtum geben können. Durch das Mitte 2025 abgeschlossene Projekt zur "Digitalisierung der historischen Pfarrbeschreibungen im LAELKB" konnten bereits alle Pfarrbeschreibungen vollständig digitalisiert werden. Diese können über Bavarikon [Link] kostenlos eingesehen werden.
Bildnachweis:
Postkarte der Erlanger Bergkirchweih 1853: Scan aus dem Buch: Andreas Jakob (Hrsg.): Die Erlanger Bergkirchweih. Deutschlands ältestes und schönstes Bierfest. ISBN 3-921590-35-3. Stadtarchiv Erlangen. Zuletzt aufgerufen am 19.05.2026: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bergkirchweih_Erlangen_1853_001.jpg.
Quellen:
[4] Fick, Johann Christian: Historisch-topographisch-statistische Beschreibung von Erlangen und dessen Gegend, Erlangen 1812, S. 97-98.
[6] Pfarrbeschreibung Erlangen-Altstadt 1915: LAELKB, BKA 2.1.0001 - 5552.
[7] Akt "Auseinandersetzungen und Prozesse um die Bergkirchweih": LAELKB, PfA Erlangen-Altstadt 46.
[8] Akt "Kirchenzucht. Kirchliches Strafrecht. Stand des religiösen und sittlichen Lebens in der Gemeinde [auch Seelsorge für zum Tode Verurteilte], Erlangen Bergkirchweih betr.": LAELKB, PfA Erlangen-Neustadt 123.
[9] Akt "Zirkus- und Schaustellerseelsorge zur Bergkirchweih in Erlangen": LAELKB, BD Erlangen 3.7.0013 - 872.
Literatur:
[1] Herder Liturgisches Lexikon: Artikel "Kirchweihfest". Zuletzt aufgerufen am 19.05.2026: https://www.herder.de/gd/lexikon/kirchweihfest/.
[2] Jakob, Andreas: Die Erlanger Bergkirchweih – Deutschlands ältestes und schönstes Bierfest, Erlangen 2005.
[3] Erlanger Stadtlexikon: Artikel "Bergkirchweih". Zuletzt aufgerufen am 19.05.2026: https://stadtarchiv-erlangen.iserver-online2.de/objekt_start.fau?prj=Erlangen&dm=Erlanger%20Stadtlexikon&ref=883.
[5] Wikipedia, Artikel "Bergkirchweih". Zuletzt aufgerufen am 19.05.2026: https://de.wikipedia.org/wiki/Bergkirchweih.
[10] Evangelische Zeitung: "Evangelische Kirche lädt zum Gottesdienst auf der Bergkirchweih", 21. Mai 2025. Zuletzt aufgerufen am 19.05.2026: https://evangelische-zeitung.de/evangelische-kirche-laedt-zum-gottesdienst-auf-der-bergkirchweih/.
Birke, Ralf u. Karl-Kraus, Klaus (Hrsg.): Der Berg. Das Phänomen Erlanger Bergkirchweih, Erlangen 2004.