Zwischen Asche und Neubeginn - Der verheerende Brand der Egidienkirche 1696
01.03.2026, Recherche und Text: Celine Brantl und Marcel Luitjens
In der Nacht vom 6. auf den 7. Juli 1696 brach in der Nürnberger Egidienkirche ein verheerendes Feuer aus. Die Kirche selbst, das angrenzende Aegidianum sowie die ehemaligen Klostergebäude wurden dabei komplett zerstört. Einzig und allein die drei mittelalterlichen Kapellen überstanden dieses Unglück.
Das Ereignis und seine Folgen wurden in mehreren Grafiken bildlich festgehalten. Auf dem Titelblatt des Programms zu einer Rede über den Egidienbrand von 1698 befindet sich eine Grafik - eine zeitgenössische Darstellung -, die einen guten Eindruck der dramatischen Ausmaße des Brandes vermittelt: Beide Kirchtürme, die Dachstühle der Kirche sowie des angrenzenden Egidiengymnasiums stehen komplett in Flammen, Dachziegel stürzen zu Boden und schwarze Rauchwolken verdunkeln den Himmel.
Die Geschichte von St. Egidien beginnt bereits in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Der Stauferkönig Konrad III. schenkte das Grundstück am heutigen Egidienberg dem schottischen Benediktinerorden. Dieser errichtete dort ein Kloster mit einer dreischiffigen romanischen Basilika, der späteren Egidienkirche. Daher zählt sie zu den ältesten Kirchenbauten in Nürnberg. Das Kloster wurde nach mehreren Bauphasen im Jahr 1525 aufgelöst.
Im Zuge der Reformation, unter der Betreuung Philipp Melanchthons, errichtete man 1526 in einem Teil des ehemaligen Klosters eine Gelehrtenschule - das erste humanistische Gymnasium im deutschsprachigen Raum: Das sogenannte „Aegidianum“, heute das „Melanchthon-Gymnasium Nürnberg“. Dieses begeht 2026 sein 500-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass fanden in Kooperation mit St. Egidien seit 2016 jährlich die „Nürnberger Bildungsreden“ statt. Am 23. Mai 2026 hält Pater Anselm Grün die zehnte Bildungsrede. Nähere Informationen dazu finden Sie hier.
Aus der Egidienkirche wurde schließlich eine der Nürnberger Gemeinde dienende Predigtkirche.
Die Egidienkirche blieb von den Folgen der Kriege im 16. und 17. Jahrhundert weitgehend unversehrt. Der Brand von 1696 bedeutete jedoch einen tiefen Einschnitt. Der Zeitgenosse Bernhard Walter Marperger (1682-1746), Prediger an St. Egidien und Diakon an St. Sebald, schildert das Geschehen in eindringlichen Worten:
Es hat der gerechte Gott / [...] Anno 1696, in der Nacht zwischen Dienstag und Mittwoch den sechssten und siebenden Julii / den uralten Nürnbergischen Egidier-Tempel / durch ein unvermuthet ausgebrochenes Feuer / in die erschrecklichste Brunst und Flamme gerathen lassen / wovon derselbe / nebst dem daran gestandenem Gymnasio, dergestalt eingeäschert / und zu Grund gerichtet worden / daß / ausser dem Chor-Gemäuer / der Sacristey / und denen daran stossenden Capellen / fast nichts davon übrig geblieben / oder gerettet worden ist. [1]
Ein Kupferstich von Christoph Melchior Roth veranschaulicht die Ausmaße der Zerstörung. Besonders eindrücklich ist der eingestürzte Kirchturm, dessen Schutthaufen – so die Bildlegende – „etliche Menschen bedecket“ habe. Auch die Überreste des Gymnasiums sind detailliert gekennzeichnet. Die beigefügte Beschreibung erläutert präzise die Schäden an einzelnen Gebäudeteilen und macht das Ausmaß der Katastrophe nachvollziehbar.
Die Nachwirkungen des Brandes waren wohl sogar noch über ein ganzes Jahrzehnt zu sehen, da die „recht kläglich anzusehende Brand-Stätte / von einem Jahr zum andern / wüst und öde liegen blieb“. Erst 1710 begann mit der Bedachung des alten geretteten Chor-Gewölbes der Wiederaufbau der Egidienkirche, für den 1711 endlich der Grundstein gelegt werden konnte.
St. Egidien liegt in der Sebalder Altstadt, dem ehemaligen Patrizierviertel, welches die reichsten Bürger der Stadt beheimatete. Entsprechend groß war die Bedeutung der Kirche im städtischen Gefüge. Der Abt von St. Egidien galt sogar lange Zeit als der ranghöchste Geistliche in Nürnberg. [2]
Die Relevanz der Egidienkirche wird durch zahlreiche Spenden von Patrizierfamilien deutlich, durch die der Wiederaufbau erst ermöglicht wurde. Am 4. September 1718 – also 22 Jahre nach dem Brand – konnte die Kirche feierlich neu eingeweiht werden; die Einweihungspredigt, deren Text bis heute erhalten geblieben ist, hielt Bernhard Walter Marperger.
Der Neubau erfolgte im damals modernen Barockstil als repräsentativer Bau mit Stuckverzierungen und einem besonderen Hochaltar. Durch die neue Doppelempore bot die Egidienkirche die höchste Sitzplatzanzahl unter den Nürnberger Kirchen. Auch bei der Ausgestaltung des Kirchenbaus wurde nicht gespart, da zahlreiche renommierte Künstler beauftragt wurden. Weitere Kupferstiche zeigen die damals neue Barockkirche mitsamt prächtig ausgeschmücktem Innenraum. Bis ins Jahr 1945 blieb die Kirche in dieser Form erhalten.
Der Zweite Weltkrieg stellte einen weiteren tiefen Einschnitt in der Geschichte der Egidienkirche dar: Im Zuge des größten Fliegerangriffs der Alliierten auf Nürnberg am 2. Januar 1945 wurde die Kirche nahezu vollständig zerstört. Beim Wiederaufbau versuchte man zwar einige der Stuckarbeiten wiederaufzubauen, dennoch konnte die Kirche nicht in ihrer vorherigen Pracht wiederhergestellt werden. Am 8. März 1959 fand die Einweihung der Egidienkirche in ihrer heutigen Form statt.
Das Beispiel der Zerstörung der Egidienkirche durch das verheerende Feuer 1696 zeigt, dass vor allem bildliche Darstellungen, wie die frühneuzeitlichen Grafiken, besonders wertvolle Quellen sind. Sie ermöglichen es dem Betrachtenden, sich in die damalige Zeit hineinzuversetzen und die zeitgenössische Wahrnehmung und Deutung von Geschehnissen zu interpretieren.
Grafiken:
Ruine der Egidienkirche nach dem Brand - LAELKB, GS 9.5.0007 - 1705.
Egidienkirche vor dem Brand - LAELKB, GS 9.5.0007 - 1707.
Außenansicht des Neubaus der Egidienkirche - LAELKB, GS 9.5.0007 - 1713.
Innenansicht des Neubaus der Egidienkirche - LAELKB, GS 9.5.0007 - 1714.
Weitere Quellen:
[1] Predigt von Bernhard Walther Marperger zur Einweihung der Egidienkirche - LAELKB, Bibliothek D2/ We 115 20.1718.
[2] https://citykirche-magazin.de/zerstoerung-und-erneuerung/, zuletzt aufgerufen am: 26.02.2026.
Druckschriftenmappe "Nürnberg-St. Egidien Bd. 1a" - LAELKB, DSS 9.7.0001 - 891.
https://citykirche-magazin.de/abbruch-und-neubau-am-egidienplatz/, zuletzt aufgerufen am: 26.02.2026.
Andreas Würfel: Ausführliche Beschreibung aller und jeder Kirchen, Klöster, Kapellen [...] benebst genauer Verzeichniß sämtlicher Herren Geistlichen. Nürnberg 1766 - LAELKB, Bibliothek B2/ BKG 772.