Archivale des Monats - Februar 2026

Titelblatt der Gesamtausgabe des vierten Gedichtsbands von Hans Sachs
Bildrechte LAELKB, Bibliothek S2/Fen V. 2° 199

Begraben als Gemeindemitglied, erinnert als "Dichter der Reformation" - Zum 450. Todestag von Hans Sachs

01.02.2026, Recherche und Text: Cedric Dütsch M.A.

Im Januar 1576 stirbt in Nürnberg ein Mann, der im deutschen Sprachraum längst berühmt ist: Hans Sachs. Er wird 82 Jahre alt, überlebt alle seine sieben Kinder und wird auf dem Nürnberger Johannisfriedhof beigesetzt. Sein Grab ist heute nicht mehr erhalten – doch im Bestattungsbuch der Kirchengemeinde Nürnberg-St. Sebald (1575–1587) ist die Bestattung dokumentiert.

Ein Leben, das in Tausenden von Versen und Texten nachwirkt, wird im Kirchenbuch auf das Wesentliche verdichtet:

Vorschau
Bildrechte: LAELKB, Foto: Celine Brantl
Eintrag zu Hans Sachs im Bestattungsbuch St. Sebald, 1576

Die Notiz „N[umeros] O[mn]es“ bedeutet sinngemäß: „alle (Pfarrer)“ bzw. „vollzählig“. Sie verweist darauf, dass die Bestattung mit besonderem Aufwand erfolgte – offenbar unter Beteiligung aller zuständigen Geistlichen und damit in einer der höchsten bzw. aufwendigsten Bestattungsformen. Zugleich zeigt die Eintragung, wie das Kirchenbuch Berühmtheit „erdet“: Hans Sachs erscheint nicht als Denkmal, sondern in der kirchlichen Praxis als Mitglied seiner Gemeinde.

Titelblatt „Der Todt ein Endt aller Yrdischen dieng.“
Bildrechte LAELKB, Bibliothek S2/Fen. V. 4° 44, 9
Titelblatt „Der Todt ein Endt aller Yrdischen dieng.“

Hans Sachs war aber nicht nur „teutscher poet“, sondern auch eine Schlüsselfigur der Nürnberger Reformationszeit. Als sich die reformatorischen Ideen Martin Luthers in Nürnberg verbreiteten, blieb die Unterstützung nicht auf Prediger und Theologen beschränkt. Auch im Kreis der städtischen Gelehrten und Künstler fanden sich früh Verbündete: Berühmte Nürnberger wie Willibald Pirckheimer oder Albrecht Dürer schlossen sich 1518 zur Bewegung der „Sodalitas Martiniana“ zusammen. Hans Sachs gehörte dieser Vereinigung zwar nicht direkt an, aber leistete einen entscheidenden Beitrag auf einem anderen Feld: als Meistersinger und Autor, der reformatorische Inhalte in die Öffentlichkeit trug.

Nach der Ausbildung im Schuhmacherhandwerk ging der in Nürnberg geborene Hans Sachs im Jahre 1511 auf eine fünfjährige Gesellenwanderung. Bereits während dieser Zeit begann er das Studium des Meistersangs und schrieb 1514 sein erstes Lied, bevor er sich 1516 schließlich wieder in Nürnberg niederließ. 1520 wurde er Schuhmachermeister. Dass danach zunächst nur wenige weitere Werke folgten, dürfte neben dem Aufbau von Familie und Werkstatt auch damit zusammenhängen, dass Sachs sich intensiv mit den neuen theologischen Impulsen der Reformation auseinandersetzte.

Titelblatt des Spruchgedichts, Kupferstich aus Siegen 1883
Bildrechte LAELKB, Bibliothek X/8-208
Titelblatt des Spruchgedichts, Kupferstich aus Siegen 1883

Das Ergebnis dieser Beschäftigung sollte eines seiner berühmtesten Werke werden: das Spruchgedicht auf die „Wittenbergisch Nachtigall“ (1523). Darin feiert Sachs Martin Luther als Stimme eines neuen Tages und benennt die titelgebende Metapher explizit:

Wer sei die liebliche Nachtigall,
Die gekündet hellen Tag mit Schall –
Martinus Luther, daß ihr’s wißt,
Der zu Wittenberg Augustiner ist,
Der hat erweckt uns von der Nacht,
Darein der Mondschein uns gebracht.

Mit diesem Lob verbindet Sachs eine klare Gegenposition: In der Dichtung stehen der „helle Tag“ der „Erkenntnis“ dem dunklen „Mondschein“ gegenüber – als Bild für die Kritik an einer Frömmigkeit, die Sachs als irreführend empfindet. Die Abgrenzung richtet sich dabei nicht nur allgemein gegen kirchliche Missstände, sondern wird konkret gegen das Papsttum formuliert. Der Papst – in Anspielung auf Papst Leo X. – erscheint in der Bildwelt als „Löwe“, der die Herde von der Weide weglockt; auch Ablasswesen und Reliquienverehrung werden als Bestandteile einer kirchlichen Ordnung dargestellt, die aus reformatorischer Sicht nicht haltbar ist. In solcher Zuspitzung wird sichtbar, wie stark die Reformation als Streit um Autorität, Lehre und religiöse Praxis wahrgenommen wurde und wie konsequent Sachs diese Auseinandersetzung literarisch in die städtische Öffentlichkeit trug.

Die breite Wirkung des Gedichts griff Sachs 1524 mit mehreren Prosadialogen auf, in denen er das allgemeine Priestertum der Gläubigen betonte und auch soziale Verantwortung thematisierte. Zeitweise geriet er dadurch in das Blickfeld der Nürnberger Zensur: Es kam zu Verhören, Rügen und vorübergehenden Einschränkungen, bis die Reformation durch das Religionsgespräch 1525 endgültig in Nürnberg Einzug hielt. Hans Sachs blieb eine tragende Figur der Meistersingertradition und hinterließ mit über 6.000 Dichtungen ein außergewöhnlich umfangreiches Werk.

Der Bestattungseintrag und das hier präsentierte Bibliotheksgut zeigen Hans Sachs aus zwei Perspektiven: als öffentlich wirksamen Autor der Reformationszeit und zugleich als Gemeindemitglied, welches Teil der kirchlichen Praxis war. Genau darin liegt eine besondere Stärke kirchlicher Archive: Sie bewahren nicht nur „große Geschichte“, sondern auch Spuren gelebter Wirklichkeit – und machen so sichtbar, wie eng Reformation, Stadtgesellschaft und Kirche miteinander verflochten waren.


Quellen:

Bestattungsbuch St. Sebald - LAELKB, KB Nürnberg-St. Sebald 9.5.0001 - 601 - 34b.

Gesamtausgabe des vierten Gedichtsbands von Hans Sachs: LAELKB, Bibliothek S2/Fen V. 2° 199.

Sammelband unterschiedlicher Titel aus dem 16. Jahrhundert: LAELKB, Bibliothek S2/Fen. V. 4° 44, 9.

Spruchgedicht von Hans Sachs "Die Wittenbergische Nachtigall": LAELKB, Bibliothek X/8°-208.

Literatur:

Rettelbach, Johannes, "Sachs, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 330-332 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118604597.html#ndbcontent, zuletzt aufgerufen am: 27.01.2026.