“Bitte anmelden zum Abendmahl!" - Die Geschichte der Abendmahlsbücher
01.09.2026, Recherche und Text: Johannes Gebhardt M.A.
Das Abendmahl hat seit jeher eine große Bedeutung in den christlichen Kirchen. Dies zeigte sich besonders in der Reformationszeit, da der Streit um die Abendmahlslehre letzten Endes zur Spaltung der reformatorischen Bewegungen führte.
Unumstritten war jedoch, dass eine regelmäßige Teilnahme von den Gläubigen erwartet wurde. Um zu dokumentieren, wer daran teilnahm, legten evangelische Pfarrer Bücher an, in denen die Gäste eingetragen wurden.
Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Abendmahlsbuch von Melkendorf bei Kulmbach der Jahre 1651 bis 1676. In diesem wurden die Anmeldungen chronologisch nach Jahren und innerhalb der einzelnen Jahre nach den Sonntagen des Kirchenjahres geordnet eingetragen, an denen Abendmahlsfeiern stattfanden. Bei den einzelnen Einträgen sind die Gäste mit Vor- und Nachnamen aufgeführt, die an der jeweiligen Feier teilgenommen haben. Daneben finden sich teilweise noch weitere Informationen, wie der Familienstand oder der Wohnort der Personen.
Wer aufgrund von Alter oder Krankheit nicht mehr in die Kirche kommen konnte, konnte das Abendmahl jedoch privatim empfangen, was bedeutet, dass die Person für die Feier vom Pfarrer zuhause besucht wurde. Auch diese Personen wurden in das Buch eingetragen, allerdings separat zwischen den Sonntagen. Auch diejenigen, die erstmals zum Abendmahl zugelassen waren, erhielten einen gesonderten Eintrag. Es waren jedoch noch keine Konfirmanden im heutigen Sinn, man bezeichnete diese Gruppe als Katechumenen oder Erstlinge. Sie wurden am Sonntag ihres ersten Abendmahls, also quasi ihrem Konfirmationstag, eingetragen. Dieser war von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich, in Melkendorf lag er in dieser Zeit am Sonntag Trinitatis, eine Woche nach Pfingsten.
Jedes Jahr endet mit den Summen der Gäste, getrennt nach offizieller und privater Feier. Außerdem wird der Beginn eines neuen Jahres mit farbiger Tinte besonders hervorgehoben.
Um zu verstehen, warum Abendmahlsbücher überhaupt geführt wurden, muss man die Bedeutung und Geschichte des Abendmahls betrachten.
Das Abendmahl (Eucharistie) geht einerseits zurück auf die biblische Darstellung des letzten feierlichen Mahls Jesu Christi mit seinen Jüngern vor seinem Leiden und Sterben, andererseits auf Gemeinschaftsmahle der frühen christlichen Gemeinden. Bereits früh gab es unterschiedliche Interpretationen über die Gegenwart Christi während des Abendmahls innerhalb der Kirche. Die Konflikte hierum werden auch “Abendmahlsstreit” genannt. Das Prinzip der Transsubstantiation, also der Lehre, dass das Brot und der Wein sich während der Feier in den Leib und das Blut Christi verwandeln, bestand bereits vor dem 9. Jahrhundert. Dieses Verständnis war jedoch nicht festgeschrieben.
Während des ersten und zweiten Abendmahlsstreits im 9. und 11. Jahrhundert wurden heftige Debatten über diesen Punkt geführt. Erst auf dem vierten Laterankonzil im Jahr 1215 wurde die Transsubstantiation als offizielle Lehre der katholischen Kirche festgelegt. Gleichzeitig wurde beschlossen, dass das Abendmahl regelmäßig, mindestens einmal im Jahr an Ostern, besucht werden müsse.
Zur Zeit der Reformation sollte der Abendmahlsstreit erneut aufflammen, diesmal jedoch unter den reformierten Bewegungen. Während die katholische Kirche an der Transsubstantiation festhielt, entbrannte ein Konflikt zwischen den drei großen Strömungen unter Luther, Zwingli und Calvin. Obwohl sich Luther und Zwingli im Marburger Religionsgespräch von 1529 in 14 von 15 Punkten einigen konnten, blieb eine Einigung beim Thema der Abendmahlslehre aus. Luther vertrat die Auffassung, dass Christus "in, mit und unter" Brot und Wein wirklich leiblich gegenwärtig sei (Realpräsenz). Im Gegensatz hierzu vertrat Zwingli die Haltung, dass Brot und Wein beim Abendmahl nur an Jesus Christus erinnern sollen. Die reformatorische Bewegung unter Calvin setzte auf eine Zwischenposition, in der auf die geistliche Gegenwart durch den Heiligen Geist eingegangen wurde. Trotz vielfachen Versöhnungsversuchen in den 1530er Jahren führte die Uneinigkeit in diesem Punkt zur Spaltung der reformatorischen Bewegung.
Erst mit der Leuenberger Konkordie von 1973, also über 400 Jahre später, gewährten sich die verschiedenen evangelischen Konfessionen vollständige Gemeinschaft beim Abendmahl. Dies war von besonderer Bedeutung, da es auch heute noch zu den wichtigsten Glaubenshandlungen zählt.
Während die Abendmahlstradition weiter fortlebt, befindet sich der Brauch der Anmeldung generell auf dem Rückzug. In vielen Gemeinden werden seit Jahrzehnten keine Abendmahlsbücher mehr geführt.
Generell war es üblich, bei der Anmeldung zum Abendmahl eine Spende zu hinterlegen, die in einigen Fällen mit in den Büchern verzeichnet wurde. In dem hier vorliegenden Abendmahlsbuch von Melkendorf sucht man sie vergebens. Diese Anmeldepraxis kann aber als ein theologisches Problem gesehen werden, da sie als eine Art moderner Ablasshandel verstanden werden kann. Zwar war die Entrichtung einer Spende nicht verpflichtend, dennoch bestand meist ein erheblicher sozialer Druck. Dadurch konnte der Eindruck entstehen, Gläubige würden durch eine finanzielle Leistung die Vergebung ihrer Sünden oder die Teilnahme am Sakrament erkaufen. Vor diesem Hintergrund wurde die verpflichtende Anmeldung aufgegeben. Mit dieser Aufhebung verloren die traditionellen Abendmahlsbücher vielfach ihre ursprüngliche Funktion und wurden vielerorts komplett abgeschafft. Heute dienen sie hauptsächlich statistischen Zwecken, indem die Zahl der Teilnehmenden an den Abendmahlsfeiern erfasst wird. Nur noch wenige Gemeinden halten an der traditionellen Anmeldung fest.
Viele der älteren Abendmahlsbücher befinden sich mittlerweile im LAELKB. Diese sind nicht nur Zeugnis einer aussterbenden Praxis, sie gelten unter Familienforschern sogar als Geheimtipp. Kommt man an einer Stelle nicht weiter, weil ein Vorfahre nicht in den Haupt-Kirchenbüchern, also den Tauf-, Trau- oder Bestattungsmatrikeln, erwähnt wird, so kann ein Blick ins Abendmahlsbuch lohnen, da hier auch Zugezogene mit aufgelistet wurden.
Quellen:
Abendmahlsbuch Melkendorf 1651-1676; LAELKB, KB Melkendorf 9.5.0001 - 174 - 16.
Literatur:
Norbert Beer (Hrsg.): Christliche Kirchen feiern das Abendmahl. Eine vergleichende Darstellung, Kevelaer 1993.
Anke von Legat: Der Streit um das Letzte Mahl, in: Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern 21 (2025), S. 10.
Anselm Schubert: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls, München 2018.