Archivale des Monats - November 2026

Kirchenstuhlbuch der Kirche St. Walburg, 1615
Bildrechte LAELKB, VPKV 10.7.0222 - 564

Wer saß wo? Das Kirchenstuhlbuch der Walburgiskapelle von 1615

01.11.2026, Recherche und Text: Annemarie Müller M.A., Celine Brantl und Marcel Luitjens

Mit der Reformation und den damit einhergehenden Veränderungen der Gottesdienstformen fanden ab dem 16. Jahrhundert Sitzmöbel zunehmend Eingang in Kirchenräume. Nun wurden längere Zeiten des Sitzens für die Gemeindemitglieder gestattet. Davor wohnte man der Liturgie stehend, kniend oder auch gehend bei.

In der ständisch geprägten Gesellschaft entstand dabei ein Bedürfnis für eine feste Sitzordnung, die die sozialen Hierarchien widerspiegelte und in sogenannten "Stuhlbüchern" festgehalten wurde. Dass dies nicht nur für die großen Hauptkirchen galt, zeigt das Kirchenstuhlbuch der Walburgiskapelle aus dem Jahr 1615.

Die Stühle oder Bänke in der Kirche wurden von den Kirchenpflegern verkauft. Frauen und Männer saßen in der Regel getrennt, wobei es sogenannte "Männerstühle" und "Frauenstühle" gab. Die Männerstühle konnten in männlicher, die Frauenstühle in weiblicher Linie weitervererbt werden. Die dabei fällige Umschreibung war mit Gebühren verbunden. Gab es keinen Erben, „fiel der Stuhl heim“ und wurde neu verkauft. Die Einnahmen flossen gewöhnlich der Kirchenstiftung zu und dienten zum Bauunterhalt der Kirche. Zur Kennzeichnung der einzelnen Sitze waren Nummerierungen oder die Anbringung von Namensschildern möglich.

Eine Besonderheit in den Nürnberger Kirchen stellt die Anbringung von Wappen der Besitzer und Besitzerinnen an dem jeweiligen Sitzplatz dar. In Nürnberg war ein Erwerb nicht nur den Patriziern, sondern auch sonstigen bürgerlichen Personen gestattet. Eine Anzahl von "Gemeinstühlen", auf die sich jeder hinsetzen durfte, sorgte dafür, dass für alle Personen eine Sitzgelegenheit bestand.

Das Kirchenstuhlbuch der St.-Walburg-Kirche in Nürnberg wurde am 1. August 1615 von Kirchenpfleger Georg Volckamer „eingerichtet“. Es beginnt mit einem alphabetischen Namensregister der "Stuhlinhaber" auf Papier, das bis 1801 fortgeführt wurde. Darauf folgt eine vierseitige Abschrift der Kirchenstuhlordnung der Reichsstadt Nürnberg aus dem Jahr 1572. Ihre besondere Bedeutung wird bereits durch die Gestaltung deutlich: Sie wurde auf Pergament geschrieben und mit kunstvollen Initialen versehen. Im Anschluss daran werden zunächst die 38 Männerstühle auf den Blättern 1–37 und danach die 82 Frauenstühle auf den Blättern 47–135 beschrieben.

Die deutlich zahlreicheren Frauenstühle lassen darauf schließen, dass der in St. Walburg abgehaltene Gottesdienst überwiegend von Frauen besucht wurde. Den einzelnen Stühlen sind kunstvoll ausgeführte Wappenzeichnungen aus verschiedenen Jahrhunderten beigefügt, die auf die jeweiligen Inhaberinnen und Inhaber verweisen. Der mit Streicheisenverzierungen gestaltete Ledereinband trägt die Aufschrift „Stüel Buch S. Walpurg. 1615“.

Wie die Vergabe und Vererbung eines Kirchenstuhls erfolgten, lässt sich am Beispiel des zweiten Stuhls der fünften Bank besonders gut nachvollziehen (Abb. 12). Im Jahr 1615 befand sich dieser im Besitz von Ursula Behaim, geb. Geuder. Entsprechend zeigen die Wappen auf der linken Seite (heraldisch rechts) das Wappen der Familie Behaim und auf der rechten Seite (heraldisch links) das der Familie Geuder.

Die Tochter Maria Magdalena Behaim, die im Jahr 1634 Friedrich Praun heiratete, erbte den Kirchenstuhl von ihrer Mutter. Mit dem Wechsel der Besitzerin änderte sich auch die Wappenanordnung: Das Behaim-Wappen rückte auf die rechte Seite, während links das Wappen des Ehemanns Friedrich Praun erschien.

Im Jahr 1650 erbte die älteste Tochter des Ehepaars, Clara Helena Praun, den Kirchenstuhl. Da sie offenbar keine direkten Nachkommen hatte, wurde der Kirchenstuhl 1701 an Maria Magdalena Tucher, geb. Braun, übertragen. Sie war seit 1680 mit Karl Christoph Tucher von Simmelsdorf und Winterstein verheiratet. Ihre Tochter, die 1707 Christoph Karl Pfinzing von Henfenfeld heiratete, erhielt den Kirchenstuhl schließlich im Jahr 1719.

Auswahl von Seiten aus dem Kirchenstuhlbuch St. Walburgis; LAELKB, VPKV 10.7.0222 - 00564.

Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts scheint die Tradition der Wappendarstellungen allmählich aus der Mode zu kommen, da die beiden letzten Besitzerinnen ohne Wappen auskommen mussten.

Kirche St. Walburgis
Bildrechte LAELKB, Kupferstich: C. M. Roth
Kupferstich der Walburgiskapelle

Um die Geschichte des Kirchenstuhlbuches besser einordnen zu können, lohnt sich auch ein kurzer Blick auf die Geschichte der St.-Walburg-Kirche selbst.

Nach dem Brand der Burggrafenburg der Zollern im Jahr 1420, kaufte die Stadt Nürnberg das verwüstete Gelände und errichtete mit den Steinen der zerstörten Burgmauer die Kirche St. Walburg. Bis zur Einführung des protestantischen Glaubens und dem Verbot katholischer Messen im Jahr 1525 wurde die Kirche aktiv genutzt. Ab diesem Zeitpunkt bis zur Renovierung der Kirche im Jahr 1608 kann eine Nutzung nicht nachgewiesen werden. Am 26.02.1609 fand schließlich der erste evangelische Frühgottesdienst in der Kirche St. Walburg statt, der laut Verordnung des Stadtrats an allen Sonn-, Fest- und Feiertagen gefeiert werden sollte. Aus einem Schreiben an das Konsistorium in Ansbach aus dem Jahr 1808 geht außerdem hervor, dass die Walburgiskirche als Predigtkirche für die Ausbildung junger Geistlicher verwendet wurde.

Mit der Übergabe Nürnbergs an das Königreich Bayern im Jahr 1806 wurden alle Kirchen verstaatlicht. Obwohl zahlreiche Kirchen verkauft wurden, blieb die Walburgiskirche in staatlicher Hand. 1811 wurde sie jedoch “demoliert”, d.h. die Inneneinrichtung wurde komplett verkauft. Im Jahr 1858 wurde das Gebäude schließlich den katholischen Angehörigen des in der Kaiserstallung einquartierten Militärs zugewiesen. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche wurde 1969 wiederaufgebaut und für den katholischen Kultus genutzt. Heute gehört sie zur katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau in Nürnberg.

Kirchenstuhlbücher sind wertvolle Quellen für die Heimat-, Wappen- und Familienforschung. Sie geben Einblicke in das Leben vergangener Jahrhunderte und ermöglichen es, die Geschichte einzelner Familien nachzuvollziehen. Dabei bieten sie insbesondere auch Anhaltspunkte zur Erforschung weiblicher Familienlinien. Das LAELKB verwahrt mehr als 20 solcher Kirchenstuhlbücher aus den Nürnberger Kirchen.


Bildnachweis:

Grafik der Walburgiskirche: LAELKB, GS 9.5.0007 - 1865.

Quellen:

Kirchenstuhlbuch St. Walburgis, angelegt von Georg Volckamer:  LAELKB, VPKV 10.7.0222 - 564.

Akt zur Frühpredigerstelle St. Walburg und geistlichen Nebenämtern und Vorbereitungsstellen in Nürnberg: LAELKB, MKA 2.0.0001 – 862.

Literatur:

Schrötter, Georg: Geschichte der Stadt Nürnberg. Nürnberg 1909, S. 8, 45, 177 und 256.

Tonke, Marion: Heraldische und sozialgeschichtliche Studien anhand der Kirchenstuhlbücher der Nürnberger Kirchen St. Sebald und St. Lorenz aus den Jahren 1572-1737. Diplomarbeit, Fachhochschule Potsdam, Nürnberg 1997.

Wachter, Clemens/Weingärtner, Helge: Walpurgiskapelle, in: Stadtlexikon Nürnberg 1999, S. 1156-1157.

Walter Hoffman/Ulrich Bock/Hartmut Böttcher: Kirchengestühl. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 4 I-K, Tübingen 2001, S. 1196-1197. 

Würfel, Andreas: Beschreibung der übrigen Kirchen, Klöster und Capellen in Nürnberg, in: Diptycha Ecclesiae Egydianae das ist: Verzeichnüß und Lebensbeschreibungen der Herren Prediger, Herren Seniorum und Herren Diaconorum, welche seit der gesegneten Reformation biß hieher an der Kirche zu St. Egydien in Nürnberg gedienet, Nürnberg 1757, S. 147-150.