Erinnerungen, die bleiben: Ein Fotoalbum aus dem Nachlass der Familie Wiener-Seboldt
01.10.2026, Recherche und Text: Celine Brantl und Marcel Luitjens
Fotoalben sind mehr als nur Sammlungen von Bildern – sie sind Bücher, die die Geschichte menschlichen Lebens erzählen. Von den ersten Schritten eines Kindes bis hin zu wichtigen Lebenseinschnitten wie Hochzeiten oder Geburtstagen: Jedes Foto hält einen Ausschnitt der Vergangenheit fest.
Doch während heute Fotos in Sekundenschnelle digital entstehen, war dies früher oft ein bewusster, fast feierlicher Akt. Der Wunsch, besondere Augenblicke oder Menschen für die Nachwelt festzuhalten, entstand bereits früh. Mit der Entstehung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde die Umsetzung dieses Wunsches allmählich auch für die Allgemeinheit möglich. In einer Zeit, in der Fotos jedoch noch nicht alltäglich waren, wurden sie sorgfältig aufbewahrt und häufig in aufwendig gestalteten Fotoalben gesammelt.
Trotz dieser Aufbereitung werfen Fotoalben häufig Fragen auf, da man die Bilder in den meisten Fällen nicht beschriftete. Eine Zuordnung der Personen oder auch das Nachvollziehen des Zwecks eines Albums kann daher intensive Recherchen nach sich ziehen. Bei manchen ist es unmöglich, genaue Angaben zu machen, sodass ausschließlich Vermutungen angestellt werden können. Ein anschauliches Beispiel für einen solchen Fall ist das hier gezeigte Fotoalbum der Familie Wiener-Seboldt.
Das Fotoalbum besitzt einen massiven Ledereinband, auf dessen Deckel die golden verzierte Widmung „Zur Erinnerung an den 3. Oktober 1875“ steht. Ein vergoldetes Klappenschloss hält das Buch zusammen – typisch für die aufwendige Gestaltung solcher Alben. Damals waren Einbände aus Leder oder Samt, Metallbeschläge und goldene Verzierungen keine Seltenheit. Selbst die Seiten des Albums sind mit einem Goldschnitt versehen, eine Technik, die den Seiten eine edle Note verleiht.
Die Innenseiten des Albums bestehen aus einer Verbindung gepresster, ausgestanzter Kartons mit dazwischen geklebten Pappen. Sie enthalten Fächer, in die die Fotos eingeschoben wurden. Die Fotos selbst stammen fast ausnahmslos von Berufsfotografen. Man klebte sie auf Pappkärtchen mit vorgegebenen Abmessungen, die auf die Maße der Fotoalben abgestimmt waren. Auf den Rückseiten der Bilder findet sich auch hier meist eine mehr oder weniger künstlerisch gestaltete Visitenkarte des Fotografen wieder.
Die Struktur des Albums wirft Fragen auf: Nicht alle Bilder sind beschriftet, und nicht alle Personen lassen sich zweifelsfrei zuordnen. Anhand einzelner Beschriftungen und Informationen aus anderen Archivalien konnten jedoch Schlussfolgerungen gezogen werden.
Der erste Teil des Fotoalbums ist reinen Familienfotos der Familien Wiener und von Benda (siehe Stammbaum unten) gewidmet. Die ersten drei Seiten zeigen dabei vermutlich ausschließlich die Familie Wiener. Besonders hervorgehoben wird Johanna Wiener, die Tochter des Gründers des Marienstifts, Gustav Adolf Wiener, der eine gesamte Seite gewidmet ist. Zu sehen sind acht Bilder, die sie von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter zeigen. Warum ihr eine gesamte Seite gewidmet ist, bleibt rätselhaft. Ab der vierten Seite folgen drei Seiten mit Bildern der Familie von Benda. Danach folgt ein Bruch, der durch eine Doppelseite mit zwei größeren, mittig platzierten Abbildungen von Gemälden markiert wird.
Im zweiten Teil werden zunächst vermutete Gründungs- und Vorstandsmitglieder sowie Unterstützer des Marienstifts und der Diakonissenstation in Regensburg gezeigt. Darauf folgen mehrere Seiten mit Bildern von hauptsächlich jungen Frauen, wobei vereinzelt auch Männer oder Kinder abgebildet werden. Man kann nur vermuten, dass es sich bei diesen um Bilder von Pfarrtöchtern bzw. ehemaligen Pfarrtöchtern des Marienstifts und deren Familien handelt. Danach folgt ein erneuter Bruch durch zwei größere, mittig platzierte Bilder einer Frau und eines Mannes, die leider nicht zugeordnet werden konnten.
Der dritte Teil beginnt mit einer Besonderheit: Auf zwei Seiten finden sich Abbildungen von Grafiken berühmter Persönlichkeiten, darunter u.a. Ludwig II., Friedrich Schiller oder auch Ludwig van Beethoven. Warum diese hier eingefügt wurden, ist unklar. Auf den letzten vier Seiten folgt erneut eine Vielzahl an Bildern von nahezu ausschließlich Frauen. Der Unterschied zum vorherigen Teil ist, dass einige der Frauen in sichtbar geistlicher Kleidung abgebildet wurden. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei um Diakonissen der Diakonissenstation handeln könnte. Weiter hinten findet sich auch eine Beschriftung mit dem Namen "M. Amos". Diesen konnten wir zweifelsfrei einer “Mathilde Amos" zuordnen, die als Pfarrtochter im Marienstift gelebt hat. Auch hier werden also Pfarrtöchter des Marienstifts gezeigt.
Auf der letzten Seite des Albums ist ein großes, zentriertes Bild einer Familie eingefügt, das mit “Geschwister Niemeyer, Halle" beschriftet wurde. Hier konnte die Verbindung zum Marienstift oder den Familien Wiener, von Benda und Seboldt nicht nachvollzogen werden.
Der Zweck des Albums lässt sich v.a. anhand der Widmung deuten: Am 3. Oktober 1865 wurden das Marienstift und die Diakonissenstation Regensburg von Gustav Adolf Wiener gegründet. Die Widmung bezieht sich somit auf das 10-jährige Jubiläum der Gründungen. Interessanterweise taucht der Gründer selbst nicht im Album auf. Dafür wird seine Tochter, Johanna Wiener, auf einer eigenen Seite prominent präsentiert. Die Ablichtung der Familien Wiener und von Benda zu Beginn des Albums könnten auf einen familiären Hintergrund bei der Entstehung des Albums hindeuten. Die Aufmachung des gesamten Albums spricht aber eher für eine Anfertigung für das Marienstift selbst. Da das Album nicht genau datiert werden kann, ist eine Einschätzung hier erschwert.
Das Fotoalbum gelangte im Jahr 2016 durch die Abgabe des Nachlasses von Günter Schlichting ins LAELKB. Dieser war u.a. Pfarrer in Regensburg (1952-1963) und Dekan in Bamberg (1963-1972). Während seiner Amtszeit als Pfarrer organisierte er 1955 die Feier zum 90-jährigen Jubiläum des Marienstifts. Dafür recherchierte er nicht nur zum Stift selbst, sondern auch zu dessen Gründer Gustav Adolf Wiener.
Während seiner Recherchen kam er dabei auch in Kontakt mit einem noch lebenden, entfernten Verwandten, Paul Seboldt. Dieser hatte selbst bereits zu Gustav Adolf Wiener recherchiert, war mit dessen Tochter verheiratet und besaß deshalb vermutlich den Nachlass von Gustav Adolf Wiener. Nach dem Tod von Paul Seboldt im Jahr 1957 gelangte das gesammelte Material schließlich an Günter Schlichting, über den es, wie bereits erwähnt, 2016 an das LAELKB weitergegeben wurde.
Das Album der Familie Wiener-Seboldt ist mehr als eine Ansammlung alter Fotos. Es ist ein Zeugnis der Geschichte, ein Puzzle aus Erinnerungen und ein Beleg dafür, wie sehr uns das Festhalten von Momenten schon immer bewegt hat – ganz gleich, ob analog oder digital.
Quellen:
Akt " Marienstift für evangelische Pfarrtöchter in Regensburg [Sammelakt]": LAELKB, OKM 0.1.0001 - 1022.
Drei Fotoalben aus dem Nachlass der Familie Wiener-Seboldt: LAELKB, NL Wiener-Seboldt, Familie 8.5.0003 - 1 + 2 + 11.
Akten zu Gustav Adolf Wiener aus dem Nachlass von Günter Schlichting: LAELKB, NL Schlichting, Günter 8.2.0056 - unverzeichnet.
Literatur:
Pagenstecher, Cord: Private Fotoalben als historische Quelle, in: Zeithistorische Forschungen. Nr. 3, 2009, S. 449–463. Zuletzt aufgerufen am 25.09.2026: https://zeithistorische-forschungen.de/3-2009/4629.
Spitzer, Anne: Familienalben || Familiengeschichte(n). Zuletzt aufgerufen am 25.09.2026: https://www.arthistoricum.net/themen/va/geteilte-erinnerungen/konservierte-erinnerungen-fotoalben-als-fragmente-persoenlicher-geschichten/familienalben/familienalben-familiengeschichten.