Archivale des Monats - August 2026

Die Ludwigs-Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth im Jahr 1835
Bildrechte Bayerische Staatsbibliothek

Als eine Grabrede zum Streitfall wurde: die Evangelische Kirche und die Soziale Frage

01.08.2026, Recherche und Text: Leonard Rahimi M.A.

Die Industrialisierung stellte einen Meilenstein der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit dar. Allerdings verstärkten sich dadurch auch soziale Unterschiede: Während Unternehmer meist profitierten, litten Arbeiter häufig unter Armut, langen Arbeitszeiten und schlechten Lebensbedingungen. Dies stellte auch die Evangelische Kirche vor neue Herausforderungen.

Wie schwierig der Umgang der Pfarrer mit dieser Situation war, lässt sich anhand eines Schriftwechsels aus einem Akt des Dekanats Memmingen nachvollziehen. In diesem geht es um eine Grabrede, die der Pfarrer Georg Friedrich Braun, am 5. Juli 1885 bei der Bestattung des Arbeiters Daniel Ludwig Stickel gehalten hat. Der Vorgang beginnt mit der Beschwerde des Fabrikbesitzers Friedrich Haussmann, dem ehemaligen Arbeitgeber des Verstorbenen, vom 12. Juli 1885 über die besagte Grabrede.

Auszug aus der Beschwerde des Fabrikbesitzers Hausmann gegen Pfarrer Braun
Bildrechte LAELKB, Foto: Celine Brantl
Auszug aus der ersten und letzten Seite der Beschwerde des Fabrikbesitzers Hausmann gegen Pfarrer Braun

Laut ihm äußerte sich der Pfarrer folgendermaßen:

Der Fabrikarbeiter ist der Willkür u. den Launen seiner Vorgesetzten täglich unterworfen u. muß sich deren Willen fügen, möchte er sich oft noch so gern gegen eine ihm widerfahrene Ungerechtigkeit aufbäumen. Er muss, wenn auch manchmal kärglich leidend, an seine Arbeit gehen, um sein Brod zu verdienen, während ein Anderer auf der faulen Haut liegt und das rollende Geld einstreicht, das ihm des Arbeiters Mühe u. Arbeit erwerben.

Friedrich Haussmann wirft Pfarrer Braun vor, die bei der Bestattung anwesenden Memminger Arbeiter durch seine Formulierungen sozialistisch aufgewiegelt und gegen ihn aufgebracht zu haben. Darüber hinaus erklärt er, dass "diesen staatsgefährlichen Ideen der sozialdemokratischen Arbeit" vonseiten der Staatspolizei und der Regierung "entgegenzuwirken u. dieselben zu unterdrücken" seien. Daraufhin konfrontiert der Dekan Pfarrer Braun mit den Vorwürfen des Fabrikbesitzers. Als Reaktion schickt er ihm eine Abschrift, der von ihm gehaltenen Grabrede. In dieser kommen andere Vorstellungen über die Arbeiterschaft zum Ausdruck. Braun schreibt über den Arbeiter Daniel Ludwig Stickel:

Nehme ich das alles zusammen, so darf ich glauben, dass er als Arbeiter in seinem Stande, an seinem Ort ein gutes Beispiel gegeben habe. Denn wer weiß nicht, welche Unzufriedenheit, welche Begehrlichkeit und Maßlosigkeit der Wünsche und Bestrebungen in unseren Tagen die Arbeiterwelt vielfach beherrscht?

Pfarrer Georg Friedrich Braun, ca. 1895
Bildrechte LAELKB, BS 9.7.0002, Bi7:145, Foto: Friedrich Müller
Pfarrer Georg Friedrich Braun (ca. 1895)

Der Pfarrer stellt also die Tugenden des verstorbenen Arbeiters in einen Gegensatz zu den Zielen der Arbeiterbewegung. Er charakterisiert Stickel als Person, die "in seinem Leiden als ein rechter Christ sich bewährt hat; […] daß auch ein Fabrikarbeiter heutzutage zufrieden und dankbar, gottergeben und unverdrossen leben, leiden, sterben kann." Im Gegensatz dazu beschreibt er als Ziel der Arbeiterbewegung "die Arbeit ganz wegzuwerfen und sie mit dem Müssiggang, die Mühe mit dem mühelosen Genuss zu vertauschen"

Mit der Verbreitung der Industrialisierung und der Entstehung der Arbeiterbewegung suchten auch Vertreter der Evangelischen Kirche nach Antworten auf die Soziale Frage. Ein Beispiel hierfür ist das 1833 unter der Leitung von Johann Hinrich Wichern gegründete Rauhe Haus bei Hamburg, das "verwahrloste" Kinder aufnahm. 1848 war Wichern zudem maßgeblich an der Gründung des Centralausschusses für die Innere Mission beteiligt. Nach diesem Vorbild entstanden auch in Bayern diakonische Einrichtungen, darunter die 1854 von Wilhelm Löhe gegründete Diakonie Neuendettelsau. Diese Einrichtungen sollten, die durch die beginnende Industrialisierung weitverbreitete Armut und Not lindern. Parallel dazu entstanden Evangelische Arbeitervereine, die als Alternative zur sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gedacht waren. 

Den Antworten der Evangelischen Kirche auf die Soziale Frage lagen bestimmte Vorstellungen darüber zugrunde, wie sich ein Arbeiter zu verhalten habe. Ein guter Arbeiter sollte fleißig, pflichtbewusst, sparsam und fromm sein. Diese Eigenschaften hebt Pfarrer Braun auch in seiner Grabrede für Ludwig Daniel Stickel hervor. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung wurde hingegen als revolutionär, sozialistisch und antireligiös beschrieben.

Pfarrer Braun beschreibt in der Grabrede auch die Ziele der Arbeiterbewegung: "wenn man die Bestrebungen gewehrt, mit denen nicht bloß an einer Besserung der wirklich drückenden und schweren -, nein am Umsturz aller Verhältnisse gearbeitet wird, so müsste man meinen, keinem Stande sei ein härteres Loos beschieden, als gerade diesem Arbeiterstande". Gleichzeitig macht Pfarrer Braun seine Ablehnung gegenüber diesen Zielen deutlich, indem er schreibt: "Lernet Glauben, so seht ihr die Welt, seht euer Leben in anderem Licht, und also führet ihr euer Leben und tut eure Arbeit, dass ihr einmal zur Ruhe des Volkes Gottes einkommen dürft". Er verweist darauf, dass jeder Mensch eine von Gott zugewiesene Aufgabe habe. Der Fabrikant Friedrich Haussmann täuscht sich also, wenn er Pfarrer Georg Friedrich Braun die Aufwiegelung der Arbeiterschaft vorwirft. 

Seine Beschwerde brachte Haussmann sogar vor den Stadtmagistrat von Memmingen und drohte mit einer Anzeige bei der örtlichen Polizeibehörde. Am Ende stand Aussage gegen Aussage und die Beschwerde Haussmanns konnte nichts erreichen. Schlussendlich hatte der Fall für Pfarrer Braun nur die Konsequenz, dass der Dekan ihn anwies, sich in solch strittigen Angelegenheiten zurückzuhalten und in Zukunft Konzepte seiner Reden anzufertigen, um ähnliche Konflikte zu vermeiden.

Die Grabrede zeigt, welche Vorstellungen ein Pfarrer im 19. Jahrhundert von der Arbeiterschaft hatte und wie er die Arbeiter rhetorisch vor den Gefahren der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung warnte. In den Beständen des LAELKB findet sich eine Vielzahl aufschlussreicher Dokumente zur Beziehung der Kirche zur Arbeiterbewegung. Besonders hervorzuheben sind hier die Bestände des Diakonischen Werks bzw. der Inneren Mission sowie der Evangelischen Arbeitervereine.


Bildnachweis:

Grafik der Ludwigs-Eisenbahn Nürnberg-Fürth im Jahr 1835: Bayerische Staatsbibliothek, BHS IV.211-1/2 / Bl.VIII = 2 Bavar. 747 / Bl. VIII. Zuletzt aufgerufen am 21.07.2026: https://bildarchiv.bsb-muenchen.de/fylr/L/d479003f-9524-4813-bfda-b5fe246c260d/viewmode=infoview.

Quellen:

Akt “Kirchliche Beerdigungen im Dekanatsbezirk”: LAELKB, BD Memmingen 3.7.0030 - 273. 

Literatur:

Hofmann, Klaus Martin: Die Evangelische Arbeitervereinsbewegung 1882 – 1914, Bielefeld 1988.

Kouri, Erkki I.: Der deutsche Protestantismus und die soziale Frage, 1870 – 1919. Zur Sozialpolitik im Bildungsbürgertum, Berlin 1984.

Lutz, Katja: Die evangelische Kirche in Württemberg während der Industrialisierung. Aspekte eines komplexen Beziehungsgeflechts mit dem Fallbeispiel Cannstatt, Stuttgart 2014. Zuletzt aufgerufen am 20.07.2026: https://elib.uni-stuttgart.de/server/api/core/bitstreams/360fca04-2c48-40eb-89fe-265f12eaed2d/content.